Brot und Spiele in Cordoba

Corrida de Toro

Tag  29, Samstag 31.05.2014 – Feria und Stierkampf in Andalusien.

“Für so eine Tierquälerei werde ich sicher keinen Cent ausgeben und ein dickes Minus für Dich, dass Du da hin gehst!” – das sind die Worte eines meiner besten und ältesten Freunde, als ich von unserer Absicht eine Corrida de Toro (Stierkampf) zu besuchen erzähle. Ist es das wirklich, ein dickes Minus? Und wenn ja, wieso bejubelt eine halbe Nation Ihre Toreros? Warum spielen Kinder nicht Feuerwehrmann oder Polizist, sondern mimen den Helden der Arena?

Bereits jetzt, 4 Wochen nach Beginn meiner Reise, wird es notwendig, eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen: Reise ich als Kulturpolizist mit erhobenem Zeigefinger und bekehre alle Andersdenkenden zur deutschen Sichtweise, die selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben die einzig richtiger ist…oder versuche ich vorurteilsfrei Menschen, Kulturen, Sitten und Brauchtümer kennenzulernen, zu verstehen und zu respektieren. Ich muss und werde sicherlich nicht alles gut finden, das ich in den nächsten 555 Tagen erleben werde – jedoch möchte ich nicht Menschen urteilen, ehe ich nicht zumindest versucht habe, sie zu verstehen.

Genau das ist mein Ziel beim Stierkampf. Verstehen, was die Menschen daran fasziniert. All diejenigen, die mich nach diesem Statement bereits auf einem japanischen Walfangkutter, in einer amerikanisch Folterkammer oder bei einem Kaffeekranz mit Kim Jung Un sehen, muss ich leider enttäuschen. So weit reicht meine Toleranz gegenüber anderen Denkweisen und mein Enteckungsdrang nun auch wieder nicht.

In der Sprachschule diskutieren wir die Pros und Cons des Stierkampfes beinahe wöchentlich, denn immer wieder kommen neue Sprachschüler an und interessieren sich für diese spanische Tradition. Als Pro führen unsere Lehrer beispielsweise die enorme Bedeutung für die spanische Volkswirtschaft auf, der Stierkampf selbst und die damit verbundenen Zweige sind verantwortlich für 1,5 des spanischen Bruttoinlandsprodukts. Ein anderer Gesichtspunkt, der mir persönlich eher zusagt als das rein ökonomische und den ich für mich selbst als oberste Rechtfertigung für meinen Besuch heranziehe, ist die Tatsache, dass die Stiere bis kurz vor dem Kampf ein wahrlich schönes Leben haben. 10 Jahre kein Stress, genügend Auslauf, gutes Futter und die Teilzeittätigkeit als Zuchtbulle hören sich im ersten Moment nicht schlecht an. Als Tier würde ich dieses Leben höchstwahrscheinlich dem armseligen Dahinvegetieren auf irgendeinem Masstbetrieb vorziehen.

Corrida de Toro
Corrida de Toro

Nachdem ich es mir also 14 Tage schöngeredet habe, besuchen wir eine Corrida in Cordoba. In Andalusien finden die Stierkämpfe beinahe ausschließlich während einer einwöchigen Feria statt, ein oktoberfestähnliches Event, das es während des Sommers in jeder größeren Stadt in Andalusien einmal gibt. Brot und Spiele eben, Fest und Stierkampf gehören hier zusammen.

Angekommen in Cordoba schlendern wir direkt zur Plaza de Toros, um unsere Eintrittskarten abzuholen. Online Bestellpreis 21,- Euro, Abendkasse 12,- Euro! Was? Wollen die uns eigentlich veralbern? Da haben wir wohl beim spanischen Pendant zu Viagogo die Tickets erworben. Und das auch noch völlig umsonst, denn das Stadion ist bei weitem nicht ausverkauft. Wir warten also vor dem Stadion bis es losgeht und bestaunen die zahlreichen in traditionell spanischer Kleidung heranströmenden Menschenmengen. Offensichtlich sind Flamencokleider für Frauen und ein weißes Hemd, kurze Weste und grauer Hut für Männer das Dirndl und die Lederhose Andalusiens. Sieht chic aus – zumindest bei den Frauen.

Um 19:30 ist Einlass und irgendwie ist alles chaotisch. Als wir unseren Platz endlich finden ist der erste Stier bereits in der Arena. Die Menge beginnt zu applaudieren und der Kampf beginnt. Der schwarze, circa 550 Kilo Muskelmasse schwere Stier ist beeindruckend. Mir würde der Arsch auf Grundeis gehen, stünde ich jetzt auf dem selben Sand wie dieses graziöse Monster. Dennoch bin ich nicht fasziniert, sondern vielmehr verwirrt. Anstelle eines Toreros rennen da 6-7 Typen herum und locken den Stier von einem Ende der Arena zum anderen. Wer ist hier der Hauptakteur? Also außer dem Stier natürlich. Mittlerweile sind 5 Minuten vergangen, in denen es das offensichtliche Hauptziel war, den Stier zu ermüden. Es folgt der Einritt zweier Lanzenreiter, der Picadores…auf Pferden mit einer Art Panzer. Wobei dieser läppische Panzer maximal verhindert, dass der Stier mit seinen Hörnern die Pferde aufschlitzt. Unversehrt bleiben sie sicherlich nicht, denn das 550 Kilo Monster rennt ungebremst in die Pferde und bricht wahrscheinlich sämtliche Rippen und verursacht innere Verletzungen. Wesentliche schlimmer trifft es jedoch den Stier: Die Picadores rammen von oben herab lange Lanzen in den Nacken des Tiers. Das ganze zweimal. Nicht schön! Im nächsten Teil stecken ihm drei Läufer noch irgendwelche Spieße mit Widerhaken in den Nacken. Wo bleibt eigentlich der Torero? Die meisten im Stadion sind weniger angewidert und jubeln, außer natürlich wenn einer der Läufer die Spieße nicht richtig platzieren kann und sie nicht im Stier stecken bleiben. Dann wird gebuht!

Picadores
Picadores

Offensichtlich ist der Stier nun genügend ermüdet, um gegen den richtigen Torero zu kämpfen. Nur um Missverständnisse zu vermeiden, mich würden immer noch kein Geld der Welt in die Arena locken! Das ist jetzt “endlich” der Stierkampf, den ich mir vorgestellt habe. Ein Mann, ein Tier. Hier laufen nun auch die Spanier zur Höchstform auf und begleiten jede gelungene Parade des Torero mit lauten Ole-Rufen. Allerdings ist der Stier schon relativ erschöpft und muss zum Angreifen überredet werden. Nach 5 Minuten Tanz hat der Torero erbarmen, zückt einen langen Degen und versucht das Herz des Stiers vom Nacken herab zu treffen. Leider schafft er es nicht beim ersten Mal und muss sich einen zweiten Degen von seinen Helfershelfern geben lassen. Nach weiteren 2-3 Minuten und einem weiteren Degen im Nacken geht der Stier zu Boden. Mit einem weiteren Stick tötet ein Helfer den Stier, ehe er ein Ohr abschneidet. Während der Torero sich Ferien lässt (und eine Ehrenrunde dreht) wird der Stier mit einem Pferdegespann hinausgezogen. Das ganze ging nun circa 20-25 Minuten, 20-25 Minuten Todesqualen unter dem Jubel der Massen.

Eine meiner Klassenkameradin bezeichnete es vor kurzem als “Heldentod” – für mich war das hier eher ein Gemetzel. Chancenlos. Unfair. Unmenschlich. Und es ist nicht zu Ende…5 weitere Stiere werden heute noch in die Arena geführt und sterben. Brot und Spiele eben! Eine Veranstaltung, die ich sicherlich nie wieder besuchen werde…

2 Comments

  1. Der Tatsache geschuldet, dass es auch bei jedem Stier genau das selbe Prozedere war, wurde es mindestens nach Nummer 3 auch echt langweilig…

  2. Ich finde es schon besorgniserregend, wenn direkt vor einem ein kleiner Junge sitzt und sich über jeden toten Stier fast mehr freut als über eine nigelnagelneue Autorennbahn aus dem Hause Carrera, die er von seinen Großeltern zu Weihnachten bekommt…
    Und die weißen Taschentücher hätten auch lieber in den Taschen bleiben sollen!

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